Herzgedanken – Was kostet die (halbe) Welt?

Gedankenkarussell.

Der amateurhafte Blick schweift über die vollbehangenen Bäumchen, die sich zu einer Reihe anordnen. Daumen und Zeigefinger der linken Hand umgreifen den Stengel, der das gesamte Gewicht der Rebe trägt, während ich mit der Schere in der rechten Hand an der Stelle abschneide, an der er in den Hauptzweig des Baumes mündet. In meiner linken Hand drehe und wende ich das Bündel, um jede Traube mit Makeln ausfindig zu machen und herauszuschneiden. Die verbleibenden Trauben werden mit Sorgfalt eingetütet. Fertig für den Verkauf. 

Und während sich die Prozedur noch gefühlte 1857-mal am Vormittag wiederholt, kreisen die Gedanken in meinem Kopf. Nie war so viel Zeit, um über das Leben nachzudenken. Zu Reflektieren. Vergleiche aufzustellen. Und Entschlüsse zu ziehen. 

Hatten wir nicht gerade noch ein Leben lang auf diesen einen Job hingearbeitet? Uns jahrelang mit Prüfungsstress, Hausarbeiten und Abschlussprüfungen herum geschlagen, um diesen Job dann wieder an den Haken zu hängen, sobald man „angekommen“ ist?

Statt als Ingenieur in der Entwicklung des Automobils mitzuwirken, verdienen wir derzeit unser Geld mit einem simplen Job als Erntehelfer auf einer australischen Farm. Wir sind auf „piece rate“, d.h. die Bezahlung entspricht dem Gewicht der gepflückten Weintrauben. Also auch noch Akkordarbeit? Hätten wir uns das vor unserer Reise jemals vorstellen können? Hahaaa, nicht einmal annähernd.

Warum also das ganze?

Alles hat seinen Preis.

Unabhängigkeit, Lebensdurst und unbändige Neugierde mag nicht der Erwartung der „gesellschaftlichen Norm“ entsprechen, aber für uns ist es momentan die ehrliche Antwort auf ein glückliches und zufriedenes Leben. Wir streben nach Abenteuer und Freiheit. Gleich zwei Dinge, die uns auf Reisen im vollen Maße zufrieden stellen. Dinge, die allerdings nicht von ungefähr kommen und die man sich erstmal verdienen muss.

Die Finanzierung unseres Abenteuers war von Anfang an DAS Thema. Wie wir es trotz exorbitanter Mietpreise in München geschafft haben, ein halbes Vermögen für unsere Weltreise anzusparen? 

Die Antwort – so schlicht sie auch klingen mag: Wir kennen unsere Prioritäten. Punkt. 

Das Überangebot an Konsumgütern, die Reizüberflutung an hippen Restaurants und Bars – ja, die Verlockung war groß. Für uns hieß das vor allem eins: Zusammenreißen. Eiserne Disziplin. Und ein konsequenter Sparplan. 

Mit einem dicken Geldbeutel sind wir dann gestartet. „Wenn nichts mehr davon übrig ist, geht’s wieder zurück.“, haben wir gesagt. Unser Ziel besteht darin, solange zu reisen wie möglich. Und genau so sind wir an die Sache herangegangen. Ein ständiges Abwägen (Was ist es uns wert?). Statt über die Stränge zu schlagen, handeln wir wohl überlegt. Denn im Umkehrschluss bedeuten Ausgaben über dem geplanten Tagesbudget nichts anderes, als früher wieder nach Hause zu müssen. Je weniger wir das Reisebudget also anrühren, desto länger der Genuss von Abenteuer und Freiheit. Fair enough!

Um damit wieder auf die Frage anfangs zurück zu kommen, warum wir uns mit einem Job auf einer australischen Farm sowie einem deutlich niedrigerem Lebensstandard als gewöhnlich zuhause zufrieden geben:

 Weil uns jeder Tag mehr auf Reisen es wert ist!

Zwischenbilanz.

So, jetzt aber raus mit der Sprache: Was kostet uns unser Traum? Unsere Zwischenbilanz nach 520 Tagen bzw. 17 Monaten auf Weltreise: 

schlappe 36.360 € *  –  All inclusive  –  Für uns beide (!)

Eine Zahl, die so nichtsaussagend ist. Eine Zahl, die so individuell ist – abhängig von so vielen Faktoren wie Komfort-Level, zu bereisende Länder und Reisetempo. 

Sie ist nichts weiter als eine Zahl. 

Der wahre Preis? Minimalismus, Disziplin und Kompromissbereitschaft.

UND vor allem: Mut.

Im Dezember 2017 haben wir den Entschluss gefasst, unsere Komfortzone zu verlassen und in ein unbekanntes Abenteuer zu starten. Das Abenteuer Weltreise. So viele Schmetterlinge diese Vorstellung von dem Sprung ins Unbekannte in unserer Bauchgegend auch verursacht hat, die Entscheidung den ersten Schritt zu wagen, um das standhafte Leben, das wir uns Jahre zuvor aufgebaut haben, aufzugeben, war schon krass. Dinge, an denen man festhält wie unsere Wohnung in Bestlage oder mögliche Chancen im Job. 

Wir haben seitdem zig Kilometer zurück gelegt – ob in vollgestopften Bussen ohne Klimaanlage, in einem TukTuk samt wilden Überholmanövern, vollbepackt auf dem Roller über steinige Sandpisten, in Nachtzügen, oder im eigenen Van, der gleichzeitig unserem Zuhause über Monate dient. Wir haben an paradiesischen Palmstränden aus Kokosnüssen geschlürft, sind mit Meeresschildkröten und Haien geschnorchelt und standen Orang Utans in ihrem natürlichen Lebensraum gegenüber. Wir wurden zu religiösen Zeremonien eingeladen, sind in Kulturen indigener Völker abgetaucht und haben einer der größten Tempelstätten der Welt besucht. Wir standen am Krater eines aktiven Vulkans, haben die Erde beben gespürt und standen vor massiven Gletscherspalten mitten im Regenwald. Wir haben von Rooftop Bars aus die Skyline von Megametropolen auf uns wirken lassen und mit einem Singapore Sling auf das Leben angestoßen.

All das wäre nicht möglich gewesen, hätten wir nicht damals den Entschluss gefasst, unsere Komfortzone zu verlassen. Diese Wahnsinnsmomente zeigen uns, dass man seine Träume leben kann, dafür nur ein bisschen Mut benötigt und bereitwillig ist, Kompromisse einzugehen.

„Denn wenn wir etwas kaufen, bezahlen wir nicht mit Geld. Wir bezahlen mit unserer Lebenszeit, die wir aufbringen mussten, um dieses Geld zu verdienen.“

– José Mujica, Präsident Uruguays von 2010 bis 2015

Am Ende ist es eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die Mut und Disziplin erfordert. Für uns betrachtet, ist der Gegenwert, den diese Entscheidung ermöglicht hat, einfach unbezahlbar. 17 Monate voller Abenteuer, unzählige und unvergessliche Gänsehautmomente. Wir sind unendlich dankbar dafür, dass es uns möglich ist solange zu reisen. DAS bedeutet für uns purer Luxus. Auch wenn wir die meisten Nächte in Low Budget Unterkünften oder gar im Auto verbracht haben.

Verglichen mit unserem Leben in München hätten wir in der gleichen Zeit allein durch Miete einer 56 m2 kleinen Wohnfläche Ausgaben in Höhe von 23.545€ gehabt. Das sind zwei Drittel unserer Ausgaben auf Weltreise und immerhin lediglich ein Bruchteil, den wir für unseren hohen Lebensstandard – unsere Komfortzone – zu Hause gezahlt haben. Eine Komfortzone, die wir aber auch mit unzähligen (Über-)Stunden am Arbeitsplatz assoziieren, um unsere von Tag zu Tag länger werdende To-Do-Liste einigermaßen in Schach zu halten.

Ob zuhause oder hier auf Reisen. Alles hat seinen Preis.

Graffiti in Berlin, Kurfürstendamm - "Ihr habt die Rolex, ich die Zeit"
Graffiti in Berlin, Kurfürstendamm – „Ihr habt die Rolex, ich die Zeit“
gefunden auf Pinterest

Nicht jeder*m wird es möglich sein, einen derartigen Puffer anzusparen, um damit 11 Länder zu bereisen. Nicht jeder*m wird es möglich sein, mit einem derartigen Budget 17 Monate auszukommen. Ein*e andere*r wiederum wirtschaftet noch sparsamer und reist mit vergleichbaren Budget viel länger als wir. Je nach persönlichem Reisestil. Ganz individuell. 

Doch jeder*m – und davon sind wir ganz fest überzeugt – wird es möglich sein, ihre*seine persönliche Story zu kreieren, seine persönlichen Abenteuer zu erleben, fremde Kulturen kennen zu lernen und sich dabei neu zu entdecken. Jeder*m wird es möglich sein, zu lernen, was es bedeutet zu LEBEN.

Wer bereit ist, alles zu geben – unter anderem auch vieles (auf)zugeben – und lernt, mit wenig auszukommen, dem steht die Welt offen. Was wir damit sagen wollen: Traut euch, es zahlt sich aus  🖤 

———————

Bemerkungen

*In Zahlen gesprochen: Wir tracken unsere Kosten seit Tag 1 an bis heute.

Der stolze Wert von 36.360 € deckt alle möglichen Kosten in den letzten 520 Tagen auf unserer Reise ab. Darin enthalten sind Verpflegung, Unterkünfte, Restaurantbesuche, Entertainment, Transport, Flüge, Visagebühren, Kosmetikartikel und sonstiges.

Im Durchschnitt sind das knapp 70€ Ausgaben pro Tag oder anders gesagt 35€ am Tag pro Person.

Wir nutzen diverse Möglichkeiten, um unser Reisebudget möglichst verschont bleiben zu lassen wie Housesitting, Volunteering gegen Kost und Logi – oder gar um es aufzustocken – wie es derzeit das Working Holiday Visum in Australien ermöglicht: Durch 4 Monate Farmarbeit in Australien haben wir bereits 16.926€ von unseren oben genannten Ausgaben wieder „gut“ gemacht. Tendenz steigend.

Unsere bereisten Länder seit Dezember 2017:

  • 24 Tage Thailand
  • 10 Tage Kambodscha
  • 14 Tage Vietnam
  • 31 Tage Philippinen
  • 92 Tage Neuseeland
  • 59 Tage Indonesien
  •     3 Tage Singapur
  •   28 Tage Malaysia
  •     6 Tage Hong Kong
  •   31 Tage Japan
  • 222 Tage Australien

Bleibt am Ende dann nur eine einzige Frage: Was ist dein Traum dir wert?

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. weltBEATS sagt:

    Sehr schön geschrieben und so wahr! Es ist alles eine Sache der Prioritäten!!
    Wir wünschen euch noch eine ganz wunderbare Reise mit unvergesslichen Momenten, die so viel wertvoller sind als alles Materielle!!

    Gefällt 1 Person

    1. herzsafari sagt:

      Vielen lieben Dank euch beiden. Ihr bringt es auf den Punkt. Wenn wir etwas gelernt haben, dann das. Kein Geld der Welt könnte uns so viel Glück bescheren wie es all die Momente, Begegnungen und Erfahrungen auf Reisen tun.
      Liebe Grüße nach Braunschweig

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  2. G + A. AH. sagt:

    Wir auch ,kommt auf jeden Fall gesund wieder .

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  3. Sarah sagt:

    ❤️❤️❤️ ich vermisse euch!

    Gefällt 1 Person

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