Kambodscha – Zwischen Mitgefühl und Ärgernis

Während unserer relativ kurzen Durchreise haben wir so einiges über Land, Menschen und ihre Geschichte lernen können, die uns im Vorhinein gar nicht so bewusst war. Die Erinnerungen an Kambodscha sind eindeutig mit gemischten Gefühlen verbunden. Ein Gefühlsmix irgendwo zwischen tiefem Mitgefühl und Ärgernis.

Wir sind auf freundliche und zuvorkommende Einheimische in den Restaurants gestoßen, die es uns mit größter Mühe alles Recht machen wollten und auch auf den Straßen, die uns immer herzlich begrüßten, Interesse gezeigt haben und uns sehr hilfsbereit gegenüber getreten sind. Neben all den positiven Begegnungen, fühlten wir uns gerade in Phnom Penh von übertrieben aufdringlichen TukTuk Fahrern ziemlich heftig penetriert, die sich (ja nur) in harter Konkurrenz ihren geringen Lebensunterhalt erkämpfen möchten. Und wir wurden unbemerkt zum Opfer von Diebstahl. Als ich bemerkte, dass das Geschenk, das ich noch vor Abreise von meiner liebsten Christina erhielt, plötzlich nicht mehr da war, flossen so einige Tränen. Nicht nur, weil es das einzige Geschenk im Gepäck gewesen ist, das ich an meinem 30. Geburtstag hätte auspacken dürfen. Es überwiegt mehr die Tatsache, dass es etwas Persönliches war. Die Nächte verbrachten wir in einem – für lokale Verhältnisse – relativ noblen Hotel, als es passiert sein muss. Somit gleich noch viel deprimierender, dass man vor solchen Überfällen nirgendwo sicher ist. An dieser Stelle möchten wir jedoch weniger die kambodschanische Mentalität angreifen – und schon gar nicht alle über einen Kamm scheren – vielmehr wollen wir darauf hinweisen, dass die Not der Menschen teilweise keine Grenzen kennt.

Hinter den Kulissen

Weil wir sowohl das Land als auch die Beweggründe der Menschen besser verstehen wollten, hielten wir unsere Augen ganz besonders weit offen. Was wir bisher beobachten konnten, ist, dass z.B. Blechdosen und Plastikflaschen im Gegensatz zu Plastiktüten und -bechern aufgesammelt werden. Pfand auf diese Dinge, wie es in Deutschland der Fall ist, gibt es hier nicht. Was motiviert die Menschen dies zu tun? Wir gehen der Frage nach: Das Sammeln von wiederverwertbaren Dingen wie Glas, Plastikflaschen, Dosen und Metall sowie reparierbaren Gegenstände wird entlohnt. Es ist nicht untypisch, dass der recycelbare Müll durch mehrere Hände geht bevor er letztlich die große Müllindustrie, die tatsächlich damit etwas anfangen kann, erreicht. Wir sprechen hier von sogenannten Müllhändlern. Sie kaufen verwertbare Dinge von einzelnen Müllsammlern ab, um diese wieder weiterzugeben und gleichzeitig daran zu verdienen. Ein positiver Nebeneffekt für die Umwelt. Und für die Menschen, die davon profitieren. Dadurch entsteht nämlich ein Geschäftsmodell, das vielen Familien wahrscheinlich die einzige Chance zum Überleben bietet. Leider konnten wir ausschließlich Kinder im Alter von 5-12 Jahren beobachten, die Dosen und Flaschen sammelten und in großen Säcken hinter sich herzogen.

Die ärmlichen Zustände der Familien gehen sogar soweit, dass sich Menschen und vor allem Kinder auf der täglichen Suche nach etwas Essbaren in Lebensgefahr begeben. Sie wühlen auf der Müllhalde in Dreck und bedrohlichen Giftstoffen. Doch das Risiko nehmen sie wohl oder übel auf sich, denn das Sammeln zum Teil auch von verdorbenen Essensresten ist es, was sie vor dem Hungertod bewahrt. Fakt ist, dass sich diese katastrophalen Zustände im Hintergrund abspielen, ohne dass der Reisende in den touristischen Zentren im entferntesten Sinne etwas davon mitbekommt. Auf der gesamten Fahrt durch das Imperium von Angkor und auch im Zentrum von Siem Reap sehen wir weder Plastikbecher noch anderen Müll. Selbst das Laub am Wegesrand wird sorgfältig zusammen gefegt, um den Anblick für die Millionen Besucher jährlich so angenehm wie möglich zu gestalten. Ist ja klar, die Tempelstätte ist mit Abstand die größte Einnahmequelle und so oft der Hauptgrund, warum Menschen aus aller Welt nach Kambodscha reisen. Wir würden sogar behaupten, dass die steigende Touristenzahl das Umweltbewusstsein in hohem Maße stärkt.

Auf weltwach.de stoßen wir auf den Beitrag „Kambodscha: Anlong Pi“, einem Auszug aus dem Buch „Lesereise Kambodscha – Ein Tuk Tuk in Angkor“ von Erik Lorenz (hier gehts zum Link: https://weltwach.de/kambodscha-anlong-pi/), der von dem traurigen Schicksal eines kleinen Jungen und seinem Leben auf der Müllhalde erzählt. Absolut empfehlenswert, um nur im Geringsten eine Vorstellung dafür zu bekommen, was sich hinter den Kulissen abspielt. Aber definitiv nichts für schwache Nerven!

Der Tourismus, ein gutes Omen

Wie bereits in unseren Texten mehrfach angesprochen, ist ganz besonders die Kinderarbeit (noch) ein großes Problem in Kambodscha. Aufgrund der weit verbreiteten Armut, u.a. als Folge der Schreckensherrschaft der Roten Khmer, ist es gang und gäbe, dass viele Familien ihre Kinder auf die Straße schicken, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Umso besser, dass es Aktivisten zu ihrer Aufgabe gemacht haben, das Problem der Kinderarbeit anzugehen. Anstatt auf der Straße Kleinigkeiten zu verkaufen oder recycelbaren Müll aufzusammeln, sollen sie ihre Zeit in Schulbildung investieren können, um diesem tristen Leben in Zukunft ein Ende zu setzen. Vor allem die Touristenbranche ist ein sehr großer Hoffnungsträger für die Zukunft vieler Kinder und Familien. Ein gutes Zeichen, wie wir finden. Der Tourismus hat eben auch seine guten Seiten.

Es sind die unschönen Dinge, die einen bitteren Beigeschmack in unseren Erinnerungen an Kambodscha hinterlassen. Um fair zu bleiben, das liegt nicht allein an Kambodscha selbst, sondern an den katastrophalen Zuständen auf unserer Welt, von denen wir zu Hause in Deutschland wenig bis gar nichts mitbekommen. Aber genau deswegen sind wir hier. Wir wollen die verschiedenen Facetten der Welt kennen lernen, losgelöst vom bisherigen Alltag. Neue Orte entdecken und erleben, die uns bisher fremd waren. Hintergründe verstehen und Erfahrungen sammeln. Geschichten über das Leben schreiben. Und dankbar sein für unser unbeschwertes Leben zu Hause.

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