Time To Say „Hau rein“

Bevor all unsere Sachen in Kartons verstaut und die Möbel in handliche Stücke zerlegt werden, sollten wir doch ein letztes Mal hier in unserem liebgewonnenen Apartment über den Dächern Münchens anstoßen und unseren Abschied mit ausreichend Augustiner und meiner legendären selbst kreierten Bowle, die es mal wieder ordentlich in sich haben wird, feucht fröhlich begießen. Hoch die Tassen…auf die Freundschaft, auf die Liebe, auf das Leben…Cheers! Das Schnapsregal muss schließlich leer werden.

Schon echt verwunderlich, was sich über die Jahre auf niedlichen 56 m2 so ansammeln kann. Da wir ganz gewiss eines Tages zurückkehren werden, wollen wir nicht all unseren Hausstand aufgeben und können uns wirklich sehr glücklich schätzen, dass sich bei unseren Eltern der ein oder andere Stauraum dafür aufgetan hat. Sorgfältig und wohl bedacht wird eingepackt, aussortiert und beiseite gestellt. Soweit zur Theorie. Die Praxis entpuppt sich letztendlich als weitaus nervenaufreibender. Die Rede ist hier nicht von einem herkömmlichen Umzug von A nach B. Nennen wir es einen Umzug für Fortgeschrittene: Dabei wird ein Teil nach Fulda gekarrt, der Großteil geht nach Münster und der dritte Part – der das Ganze deutlich verkompliziert – wird in Daniels zukünftiger WG für die restlichen 7 Wochen, in denen er nochmal zurückkehrt, untergestellt.


Der Tag ist gekommen, die Nerven liegen blank, der Schweiß liegt in der Luft.

Strategisch klug wird der Sprinter langsam aber sicher vollgepackt. An die fleißigen Helfer an dieser Stelle nochmals vielen lieben Dank! Ihr habt keine Ahnung, wie sehr wir euch in diesen Momenten gebraucht haben… Vor allem an unseren Wiederholungstäter Lucas, der bereits in Hamburg heldenhaft seine Nerven aus Drahtseilen unter Beweis gestellt hat. Ab auf die Piste! Auf den 670km teile ich mir mit meiner herzallerliebsten Yucca Palme, die über die Jahre deutlich an (Über)größe zugelegt hat, den Beifahrersitz. Daniel, wie immer, gut gelaunt am Steuer.

In Münster angekommen. Gleiche Prozedur in umgekehrter Reihenfolge, andere Teamkonstellation.

Umzug-Ausraeumen-des-Sprinters-mit-Moebeln
Conny beim Ausräumen des Transporters

Die Mühen haben sich gelohnt. Der Sprinter ist leer geräumt, das kleine Zimmer unterm Dach platzt aus allen Nähten. Während wir es uns mittlerweile völligst erledigt auf dem Sofa gemütlich gemacht haben, trudeln nach und nach vereinzelt Freunde und Verwandte von Daniel ein. Sie wären zufällig in der Gegend gewesen und wollten mal Hallo sagen. Spätestens nachdem die Bierkisten aus dem Keller plötzlich griffbereit auf der Terrasse stehen, der Tisch vor leckeren Snacks fast zusammenzubrechen droht und die Klingel im Minutentakt schellt, haben wir die Lage durchschaut. Daniels Familie hat sich größte Mühe gegeben, diese absolut gelungene Überraschungsparty vor uns geheim zu halten und zu organisieren. Es hat wirklich an nichts gefehlt. Bis in den frühen Morgen hinein wird gequatscht, gelacht und gefeiert.

Auf dem Rückweg legen wir einen letzten Stopp ein, um uns bei meiner Mum zu verabschieden. Noch vor vier Wochen zuvor hatten wir ein großartiges Wochenende in München zusammen. Wir haben viel gelacht und der Moment des Abschieds war gefühlt noch so weit entfernt. Und plötzlich ist er da. Bei einem leckeren Abendessen lassen wir den Tag gemütlich ausklingen. Eine herzliche Umarmung und ein paar Tränen zum Abschied. Dann gehts wieder auf die Autobahn.

Zurück in München erwartet uns die nächste Überraschung. Diesmal aber alles andere als geil. Bei der Abnahme der Wohnung spricht der Vermieter von anfallenden Kosten für die im Vertrag festgehaltenen Schönheitsreparaturen. Kosten im vierstelligen Bereich! Mit hochgezogenen Augenbrauen erstarren wir und fragen entsetzt „Bitte was? Unmöglich!“ Das war so nicht abgemacht. Die mündliche Absprache am Telefon eine Woche zuvor verlief noch ganz unkompliziert. Unrenoviert übernommen, unrenoviert übergeben. Was um Himmels willen kann man da falsch verstehen? Anscheinend liegt hier ein ziemlich gewaltiges Kommunikationsproblem in der Luft. Wir werfen uns abwechselnd verstörte Blicke zu. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Doch ganz kampflos wollen wir an dieser Stelle nicht aufgeben. Es wird gefeilscht um jeden Preis, bis wir uns letztendlich diplomatisch auf einen fairen Deal einigen. Wir werden keinen Cent bezahlen, dafür bringen wir die Wohnung auf Vordermann. Drei Tage bis Abflug haben wir ja schließlich noch… nur leider weder Pinsel noch Farbrolle, denn das gesamte Maler-Equipment haben wir vor ein paar Tagen mit umgezogen. Zu ärgerlich! Mit gemischten Gefühlen bringen wir den Vermieter zur Tür und sagen auf Wiedersehen. Auf einmal wird es ganz still um uns herum. Nur das leise Knacken, als die Tür ins Schloss fällt, schallt durch die Wohnung. Wir stehen im leeren Raum, der noch Tage zuvor als unser gemütliches Wohnzimmer galt. Wie oft haben wir von hier aus den Tag bei all den schönen Sonnenuntergängen ausklingen lassen? Nichts erinnert mehr an diese Wohlfühloase. Nur eine große Luftmatratze, einen kleinen Koffer mit Dingen für die verbleibenden Nächte sowie unsere Backpacks, bereit für das Abenteuer, sind zurückgeblieben. Und wir. Auf der Suche nach Motivation.


Die anschließende Nacht- und Nebelaktion

Statt mit Freunden gemütlich beim geplanten Sonntagsbrunch die letzten Stunden vor Abflug zu genießen, schufften wir -Tag und Nacht- wie blöde. Vor lauter Mitgefühl stellt uns die Nachbarin zwei Augustiner vor die Tür, die wir in diesem Moment mehr als dringend gebrauchen können. Mit Farbpinsel in der Hand schließe ich noch eben meine private Krankenversicherung für das Ausland ab, verschicke E-Mails an alle relevanten Instanzen bezüglich Adressänderung und organisiere den Ausstand in der Firma, während Daniel im Büro die Übergabe seiner Themen für die nächsten Wochen regelt. Zum Glück sind wir mit solchen Stresssituationen bestens vertraut. Jeder andere wäre an dieser Stelle wahrscheinlich durchgedreht. In großen Schritten stolpern wir allmählich doch tatsächlich auf die Zielgerade zu.

Später als geplant packen wir unsere sieben Sachen ins Auto und verbringen die letzte Nacht in München bei Lucas – unserem, noch aus Hamburg Zeiten, treuen Freund und Helfer. Ein letztes Dinner zusammen, beim Griechen, so wie es sich gehört. Am Morgen danach weckt uns ein irres Regen-Hagelschauer-Gewitter. Es scheint, als will uns Deutschland, doch nicht einfach so gehen lassen. Nur 10 Minuten später, strahlender Sonnenschein bei eisiger Kälte. So verabschieden wir uns gerne von unserer liebgewonnenen dritten Heimat. Ein letztes Mal prüfen wir den Inhalt unseres Gepäcks auf Herz und Nieren. Handys, Kreditkarten, Reisepässe – Check. Danach schnallen wir uns die Backpacks auf den Rücken, klemmen uns den Karton mit geliehenem Maler-Equipment unter den Arm und schauen noch auf einen Sprung bei unserer Heldin vorbei, die uns in der Not mit all den Sachen für unsere Last-Minute-Aktion versorgt und zum Abschied noch eine Tasse Tee vorbereitet hat. Moni, du wirst uns auf unserer langen Reise ganz besonders fehlen.


Ein Hauch von Freiheit liegt in der Luft.

Es ist soweit. Ein letztes Mal geht es zurück in unsere Wohnung, die Schlüsselübergabe. Die Wohnung ist komplett leer geräumt, Wände und Decken erstrahlen in einem leuchtenden Weiß und es riecht noch nach frischer Farbe. Darauf ein High-Five! Wir schauen uns zufrieden an. Das war’s dann. Jetzt gibt es kein Zurück mehr und es fühlt sich so verdammt richtig an. Gegen 11 Uhr stehen wir an der Haltestelle und steigen in den Airport Shuttle. Überraschenderweise fällt der Abschied gar nicht mal so schwer. Viel schwerer fällt es uns, unsere Gefühle zu beschreiben. So turbulent und aufregend die letzten Tage auch waren, umso gelassener sind wir. Das ist das Einzige, das uns gerade durch den Kopf geht. Erleichtert, dass wir noch alles regeln konnten, wir nun pünktlich und ganz entspannt auf dem Weg zum Flughafen sind. Irgendwie auch deswegen erleichtert, weil unser gesamtes Leben nur etwas über 10kg wiegt und wir es auf dem Rücken tragen können. 

Der Moment ist da, jedoch fühlt es sich anders an als erwartet. Statt Gefühlschaos: Kopffreiheit! Doch insgeheim wissen wir genau, dass es wohl noch einige Tage, wahrscheinlich eher Wochen, dauern wird, bis wir begreifen, was hier gerade passiert.

Am Flughafen angekommen steigt uns ein lieblicher Duft von Weihnachtsmarkt in die Nase. Durch all die Reisevorbereitungen kam die Adventszeit eindeutig zu kurz. Im Bruchteil einer Sekunde steuern wir den nächsten Glühwein Stand an und gönnen uns ein heißes Tässchen. 

Start Weltreise - Letzter Glühwein am Münchener Flughafen
Letzter Glühwein am Münchener Flughafen

Hier stehen wir nun. In der eisigen Kälte. Mitten im Flughafengelände mit Glühwein in der Hand. In diesem Sinne:

„Servus München, Servus Deutschland. Bis bald!“

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